16.06.2006
Marc-Edouard Enay
Kiki Picasso, einer der buntschillerndsten Avantgarde-Künstler
|
| Die Aktivitäten dieses Künstlers sind vielfältig, schrill und grell. Es ist unmöglich, ihn in eine Schublade zu zwängen: Kiki Picasso (weitere Pseudonyme: "Kris Plak de Crasse" und "Kim Crado") ist einer der buntschillerndsten Avantgarde-Künstler Frankreichs. 1956 in Nizza als Christian Chapiron geboren, erlebte er durch seine Eltern Kunst hautnah, weil diese regelmässige Beziehungen zu bildenden Künstlern und Schauspielern unterhielten.
Als Mitgründer der alternativen Gegenkultur-Zeitschrift "Bazooka" und der Künstlergruppe gleichen Namens zur Propagierung der "dictature graphique", zog er erstmals die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Jack (Jacques) Lang, der spätere Kultusminister Frankreichs, engagierte ihn für seine Wahlkampagne, und dies sicherte ihm die Präsenz in den Medien. Es gibt fast kein Gebiet, worin sich Kiki Picasso als Designer und Künstler nicht versucht hätte, meist mit Erfolg. So entwarf er u.a. Schallplattenhüllen und Plakate, war Supervisor der TinTin-Comics. Sogar ein Paar Schuhe tragen seinen Namen. Ende der 80iger Jahre widmete er sich der pornographischen Photographie, die er mittels Computer und Air-Brush bearbeitete: es entstanden wilde Gestalten und deftige Szenen im psychedelischen Rausch.
In der - übrigens von ihm selbst verfassten - Monographie über das Werk des Künstlers "Les chefs d'oeuvres de Kiki Picasso" behauptet er u.a., im Auftrag Leonid Breschnevs anlässlich des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan, ein sozialistisch-realistisches Gemälde gemalt zu haben und während der polnischen Unruhen auf Wunsch von General Jaruzelki (im Jahre 1981), ebenfalls. Ein Bild mit klar antiisraelischem Inhalt will er als Geschenk an das irakische Museum der Revolution in Bagdad geschickt haben. Andererseits soll von ihm im Memorial von Auschwitz ein Porträt Anne Franks mit dem Titel "Erinnerungen eines Mädchens" zu finden sein, und ein anderes Bild stellt unzweideutig terroristische Anschläge und Morde an den Pranger. Diese häufig widersprüchliche, unzusammenhängende und inkonsequente Haltung beim Aufgreifen und Darstellen eines Themas, ist zuweilen schwer verdaulich. Man wäre fast geneigt, ihn des Opportunismus zu bezichtigen, aber seine agressiv-anklagenden Darstellungen von Schmerz, Elend und Unrecht, gemalt ohne Auftrag oder "Dienstverhältnis", lassen diese Etikette nicht zu. Ein grosses Plus seiner Kunst ist es, nicht belanglos zu sein, und dass sie den Betrachter dazu zwingt, sich mit ihr emotional auseinanderzusetzen: das Werk Chapirons lässt nicht kalt, es polarisiert und fordert heraus. So auch dieses Buch selbst. So behauptet der Künstler, dass seine Werke in den bedeutendsten Museen vertreten seien: im New Yorker Museum of Modern Art, im Musée d'Art Moderne in Paris, in der National Gallery of Arts (Washington), in den Kunstmuseen von Basel und Bern, in der Galérie Paul Valloton in Lausanne und bei Léo Castelli in New York, in den Staatsgalerien von Prag und Warschau, im Märkischen Museum zu Berlin, im Museum des Vatikans, im Fussballmuseum München usw. Die Liste strotzt nur so von bekannten Namen. Das Problem ist nur: alle erwähnten Museen und Galerien in der Schweiz wurden angefragt, und in keinem einzigen Hause wurde Kiki Picasso jemals ausgestellt, keines hat eines seiner Werke erworben. Das Münchner Fussballmuseum wurde nie gebaut, und in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung ist Kiki Picasso unbekannt….
Ist Kiki Picasso also ein Schwindler oder ein Scharlatan? Beim Lesen seines Buches fallen einem die vielen ironischen Seitenhiebe auf die kokettierende Kunst-Schickimickeria sofort ins Auge. Was wäre denn in einer Zeit des Etiketten-Fetischismus und des Provenienzkultes (bei dem der Standort bald mehr zählt als das eigentliche Kunstwerk) konsequenter, als die Ironie und die Übertreibung hin zum Gigantismus aufzubauen und hemmungslos eine Orgie der Renommierinstitute zu listen? Weitere Angaben sind offenkundig so unmöglich, dass der Leser sich unwillkürlich fragt ob er nicht selbst mitten in das irreale Theatergeschehen eingebunden wird.
Gegen Ende der Siebziger Jahre hatte Christian Chapiron das Pseudonym Kiki Picasso angenommen, und dieser entliehene Name brachte ihn nach fast sechsjährigem Prozedere im April 1989 vor den Richter, angeklagt von Pablo Picassos Nachkommen: es sollte ihm gerichtlich verboten werden, den Kunstnamen weiterhin zu führen, zudem sei ein Franc Schadenersatz zu zahlen. Kiki Picasso und sein Anwalt Maître Kiejman, modelten die Gerichtsverhandlung in ein skurriles Happening um und setzten sich gekonnt in Szene: die Verteidigung warf Paloma Picasso, der Wortführerin der Klägerpartei vor, auch sie lebe schliesslich vom ererbten Namen, sie benutze ihn, um Kosmetika und Zahnpasta anzupreisen, "ja sogar Peitschen und Harnische". Im übrigen sei er, Maître Kiejman, "dank Tischerücken in direkter Kommunikation mit dem Meister (d.h. Pablo Picasso) selbst, und diese Geschichte amüsiere diesen köstlich...". Wen wundert es, dass Kiki Picasso dieses Pseudonym vorerst weiterhin führen durfte?
Kiki Picasso ist ein Mensch, der in allen möglichen Kunst-Gassen hansdampft und wegen des Facettenreichtums seiner Persönlichkeit und seines künstlerischen Ausdrucks in keine Schublade passen will. Sein Stil ist der "Réalisme à Facettes", und genauso ist Christian Chapiron. Er selbst bezeichnet seine Kunst sehr treffend als "bedauerliche Notwendigkeit", denn "En effet, l'homme ne peut pas vivre sans l'art. L'art lui est aussi indispensable que la nourriture".
Eines seiner bekanntesten Werke ist die Art-Swatch, wovon 140 verschiedene Exemplare in drei bis elf Farben hergestellt wurden. Der mit den Zeigern in sich selbst drehende Quadrant zeigt ein Porträt von Minh Truong, seiner Lebensgefährtin. Die wahrlich ungewöhnliche "Kiki Picasso" von 1985, das Traumstück jeder Swatch-Kollektion, erzielte auf Auktionen immer wieder Spitzenpreise: SFr. 43.000 Serienmodell (Auktion Rudolf Mangisch, Zürich, Herbst 91)
SFr. 64.500 Prototyp, von Schmid-Müller zu einem Bild montiert (Auktion Antiquorum, Hongkong, Nov. 91)
SFr. 36.000 Serienmodell (Auktion Mangisch, Zürich, Dezember 91)
SFr. 35.000 bis SFr.45.000 Serienmodell (Guide-Argus 1991/Swatchissimo/Antiquorum Editions)
rd. SFr. 45.000 Prototyp 1984 (Auktion Antiquorum, 1-Vicenza, Januar 92)
rd. SFr. 43.000 Serienmodell 1985 (A. Antiquorum, 1-Vicenza, Januar 92)
rd. SFr. 40.000 Prototyp 1984 (Auktion Mangisch, New York, Juni 1992), hingegen kosten die von ihm kreierten Aktien bisher nur einen Bruchteil davon!
Fernsehpiraten in Paris Zur Finanzierung der "Antène 1 - Société Anonyme de Télévision Pirate" wurden im Februar 1983 1000 Aktien ausgegeben. Die Titel mit jeweils Hundert Francs Nennwert wurden als farbige Serigraphien in vier Farbvariationen auf Kunststoff-Folie gedruckt. Bereits am Ausgabetag (veranstaltet wurde eine irre Party) kamen mehr als 100 Personen aus Kultur und Politik, um sich eine Aktie zu sichern.
Die Gesellschaft plante, Mitte März 1983 erstmals auf Sendung zu gehen, wobei der Empfangsbereich etwa zwei Drittel von Paris sowie die Vororte im Osten der Metropole umfassen sollte. Ende Februar kam das "njet" vom Ministerium für Kommunikation, die Begründung: Man solle sich auf Kabel-TV einstellen, was aus Kostengründen aber unmöglich war. Seinem Namen getreu, beschloss A1, wild zu senden, ohne Vorankündigung, u.a. schwarzen Humor, Rock'n Roll und Pornographie sowie eigene Videos und Animationen.
Im Juli, kurz vor Mitternacht, strahlte A1 die ersten Bilder aus, die im 18., 19. und 20. Arrondissement empfangen werden konnten. Die Sende- und Regieräume, von einem Lokalradio zur Verfügung gestellt, befanden sich im 4. Stock eines Hauses im Quartier Barbès. Die "Sendung" begann mit einem rockenden Gitarrengirl, es folgte ein Videoclip, dann ägyptisches Karate. All dies ohne Ton (!) und von freiem Kanal zu freiem Kanal springend, um die Anpeilung des Senders zu erschweren. Auf dem Bildschirm erklärte eine Mitarbeiterin ihren Zuschauern einiges aus ihrem Privatissimum, sie trug keinen Slip...; doch bevor sie dazukam, Sex in der Praxis zu demonstrieren, schaltete A1 auf einen Trickfilm um.
Gegen ein Uhr nachts kam endlich auch der Ton über den Äther, aber knapp zwei Stunden später umzingelte die Polizei das Gebäude. Da kein richterlicher Durchsuchungsbefehl vorlag, konnte die Behörde erst um sechs Uhr früh in die Lokalität eindringen, Zeit genug, damit die Equipe von A1 das gesamte Material wegbringen und allfällige Spuren beseitigen konnte. Der erfrischende Spuk war Geschichte.
Nachtrag: Antenne 2 berichtete am 1.12.1992, dass in der Revisionsverhandlung, die durch Paloma Picasso angestrengt wurde, nun dem Künstler doch noch verboten wurden, das Pseudonym Kiki Picasso weiterhin zu verwenden.
Neben der Uhr bleibt dem Sammler somit nur noch die Aktie der Antène 1 aus dieser speziellen Schaffensepoche erhalten, die als ein wunderschönes Beispiel moderner Kunst gelten kann.
Die Kiki-Picasso-Aktien, einzigartige Zeugen des Medienabenteuers "Antène 1", sind hauptsächlich im traditionellen Kunstmarkt sehr gesucht und fast nicht aufzutreiben. Ähnlich der Uhr von Kiki Picasso, sind die Titel der Antène-1 in verschiedenen Farbkombinationen gestaltet. Je 250 Stücke wurden jeweils in den Grundfarben Grün, Gelb, Rot und Grau gedruckt. Sie sind schon deshalb bemerkenswert, weil sie als einzige (mir bekannten) Wertpapiere ein typisches Produkt der modernen Zeit sind: sowohl in der Materialauswahl (Rhodoïd-Folie), wie in der Gestaltung (z.B. die grafische Verknüpfung mit der Computertastatur).
Literatur: Chapiron, Christian: Les chefs d'oeuvres de Kiki Picasso. Paris, Le Dernier Terrain-Vague, 1981. (Enthält ein Vorwort von Alain Weill und eine Biographie von Jean Seisser). Chapiron, Christian: Dripping Kiki. Paris, Jean-Pierre Faur, 1992. Ghidelli, Enrico in: Tell Telex 2/1992.
[Kiki Picasso = Pseudonym für: Christian Chapiron]: Antène 1. - Société Anonyme de Télévision Pirate. Action de 100 Francs. Nummer 587. (Auflage 250; Gesamt 1000. 1. März 1983. Polychrom mit Hauptfarbe Rot. 23,5:29,5 cm. Original-Serigraphie auf marmorierter Kunststoff-Folie (Rhodoïd), die Aktiennummer eingestanzt. Gestaltet von Kiki Picasso und von ihm als "Conseiller à la propagande" signiert. Gedruckt im Serigraphie-Atelier der Chapiron S. A. (= im eigenen Atelier) in Paris.
| 06.06.2006
Marc-Edouard Enay:
Alphonse Maria Mucha und die Exposition Religieuse Internationale de 1900
|
|
Bon de participation de 20 Francs. Klischeedruck und Buchdruck in Schwarz und Hellblau. Ausserhalb des Randes unten rechts typographisch und FEHLERHAFT bezeichnet mit: (Composition d'Alfred [!] Mucha) und unten rechts betitelt mit: "Sur les ténèbres du paganisme resplendit la Foi chrétienne." [= Über die Finsternis des Heidentums wird das Licht des christlichen Glaubens kommen]. Doppelblatt (Gesamtgrösse 25,5: 57 cm.), auf der linken Seite drei verschiedene Arten von Coupons anhängend. Seichter Wellenschnitt links. Paris, Compagnie française des Papiers-Monnaies, 1899. 25,5:29 cm. Die Gesellschaft, deren Kapital 1 Million Francs betrug, gab zur Finanzierung ihrer geplanten Ausstellung zur Jahrhundertwende das vorliegende Wertpapier heraus. Die Coupons verbrieften mehrere Rechte: 1.) 20 Coupons berechtigten zum kostenlosen Eintritt in die Ausstellung. 2.) 1 Coupon garantierte einen anteiligen Gewinn an 50 Prozent des Netto-Ergebnisses der Ausstellung. 3.) 1 Coupon garantierte die Teilnahmeberechtigung an einer ab 1899 bis 1990 halbjährlich stattfindenden Verlosung, bei der jeweils auf eine bestimmte Anzahl von Anteilsscheinen eine Rückzahlung von 40 Francs pro Zertifikat erfolgen sollte. -- In der Mitte gefaltet, sonst in tadellosem, unbeschnittenem Zustand. (Die meisten, mir bekannten Exemplare, sind am Unterrand um ca. 5 mm beschnitten).
[Mucha, Alphonse Maria] - (Société Anonyme de l') Exposition Religieuse Internationale de 1900.1>
1889 beschloss Alfonse Mucha, in die französische Hauptstadt umzusiedeln und erlebte dort die Jahre eines kreativen Aufschwungs und eines positivistischen Vertrauens in die Zukunft der modernen Zeit, die ihn inspirierten und auch prägten. 1891 vereinbarte er mit dem bedeutenden Pariser Verleger, Armand Colin, eine Zusammenarbeit, die für das Schaffen Muchas entscheidend wurde, denn diese Zusammenarbeit lenkte sein Leben hin zur Illustration. Sie bot dem Künstler viele Möglichkeiten zum Experimentieren. Gerade in der Illustration lässt sich die künstlerische Entwicklung Muchas deutlich ablesen (siehe dazu mehr in: Katalog Darmstadt 1980). Mit seinen Theaterplakaten für die Bühnenrollen der Sarah Bernhardt erlangte er schliesslich seine Berühmtheit, die auch in der Buchillustration ihren Niederschlag fand. Daneben entwarf er Glasfenster, Teppiche, Möbel, Wandschirme, Schmuck, Theaterdekor und -kostüme sowie Vorlagenalben in den allgemeinen Formen des Jugendstils, in den späteren Jahren auch noch Banknoten und Briefmarken für den neuen tschechischen Staat. Er verband im Jugendstil die Illustration mit der Ornamentik in einer besonderen, schnörkelhaften Eleganz, die in Paris schon bald als "Le style Mucha" gelobt wurde. Sublime Erotik, dargestellt durch eine Mädchengestalt mit üppig wehender Mähne, dominierte in seinen druckgraphischen Entwürfen, vor allem in seinem Plakatschaffen, das zeitweilig zu einem Wahrzeichen der Epoche und zu einer Chronik ihrer ephemeren Ereignisse wurde. Trotz ihrer Dekorativität und scheinbaren Wiederholung, sind diese Arbeiten aber weder in Vorstellung noch im Ausdruck homogen. Zu dieser Gruppe gehören die von ihm geschaffenen Wertpapiere für die Slavia Versicherungs-Bank und weniger akzentuiert, diejenigen für die Paris-France S.A.
Mucha, dessen ursprüngliches Lebensziel es war, Historienmaler zu werden, hatte auch eine, den Meisten unbekannt, religiöse und mystische Seite. Sein Oeuvre umfasst deshalb auch zahlreiche Arbeiten mit symbolischem Gehalt. "Es sind dies Werke, an deren künstlerischem Niveau ihm sehr viel lag und die für ihn bereits als Ausdrucksmittel seiner missionarischen Bestrebungen Bedeutung hatten" (Zitat Jana Brabcová). Mucha hatte stets das Bestreben, die Menschheit allgemein, speziell aber sein slowakisches Volk, zu belehren und zu einer höheren Stufe der geistigen Entwicklung zu führen, was in seinem Spätwerk sehr deutlich zum Ausdruck kommt.
Doch schon 1897 begann er mit der Arbeit an einem Zyklus, betitelt "Die sieben Hauptsünden" und wollte diese Blätter, "ein hochphilosophisches und soziales Werk" (Zitat: Mucha) in einer Ausstellung dem Publikum zeigen. Die Presse schrieb darüber: "Er zeigte hier die elende Menschheit ohne Schleier, deckte ihre Geheimnisse, ihre Verbrechen, ihre physischen und moralischen Schmerzen auf, die aus den Leidenschaften geboren wurden, sowie deren schicksalhafte Folgen". Und dies, obwohl nur 3 Blätter gezeigt wurden: Stolz, Neid und Faulheit. Ob es die negative Kritik war oder ausbleibende Reaktionen des Publikums, fest steht jedenfalls, dass Mucha diese Art des künstlerischen Ausdrucks, den er immerhin einige Jahre lang pflegte, wieder aufgegeben hat.
Die Zeichnung für den vorliegenden Bon de Participation gehört in diese Kategorie und wurde von Mucha eigens für die geplante Religionsausstellung schon 1897 angefertigt (Paul Redonnel). In ihm stehen zwei Darstellungsprinzipien nebeneinander: die dominierende Illustration und die Ornamentik. Die Illustration auf der rechten Seite des Blattes zeigt eine, aus einem Kreuz hervorschwebende und einen Kelch tragende, lichte Engelsgestalt vor einem grossen Dom. Ihr entgegen winden sich mehrere Schlangen von Menschen, während im Halbdunkel des Vordergrundes die Heidenwelt gebannt dem Spektakel zusieht. Von Mucha wurde diese Illustration wahrscheinlich in Kohlezeichnung und Lavierung ausgeführt und von einem unbekannten Graveur in ein Klischee umgewandelt. Umrandet wird die Illustration von einer Bordüre im Jugendstil, die aber auch von Mucha selbst stammt. Sie stellt das Herz Jesu Symbol dar, jeweils getrennt durch kleine Segmente, in denen sich Sterne befinden. In den vier Ecken ist das Symbol zusätzlich von acht Sternen umgeben. Sowohl auf der linken als auch rechten Seite, wird in der Mitte das Herz Jesu Symbol jeweils doppelt dargestellt. Zwei innere und zwei äussere Umfassungslinien begrenzen die Bordüre. Der Bordürenunterdruck besteht aus einem gepunkteten und sich schlingendem Flechtwerkmuster in Hellblau.
Die linke Blatthälfte des Zertifikates besteht aus einem breiten Kopf mit dem Namen der Gesellschaft und den Coupons. Als Vignette, in Schwarz gedruckt, steht mittig wiederum der geplante Dom, währen ganz links die Türmchen der Sainte-Chapelle zu sehen sind. Bei den Eintritt-Coupons wiederholt sich, ebenfalls mittig, das Dom-Motiv. Ansonsten besteht der gesamte Unterdruck, wiederum in Hellblau, aus einem gepunkteten und sich schlingendem Liniengeflecht, dessen Ausgangspunkt jeweils ein Cello ist.
Für die geplante "Exposition religieuse internationale de 1900" sollte unweit des Geländes der Pariser Weltausstellung von 1889 ein riesiges Gelände gekauft werden, in dessen Zentrum das Ausstellungspalais in Form eines riesigen Domes gebaut werden sollte. Die Basis unter der Kuppel sollte 100 m im Durchmesser betragen, grösser also als der Petersdom in Rom. Zweistöckige, überdachte Terrassen mit hängenden Gärten sollten das Gebäude flan-kieren. Errichtet werden sollte die gesamte Anlage unter der Leitung des damaligen Stararchitekten Henri Duray. Eine neu entwickelte Panoramenschau mit unzähligen christlichen Themen, genauso wie originalgetreue Nachbildungen von Höhlen und Grotten in denen Heilige lebten, waren vorgesehen um Besucher zu locken. Dazu sollten in den riesigen Gebäuden mehrere Museen untergebracht werden, in denen Einzelausstellungen zu allen Themenbereichen christlicher Kunst zu sehen sein sollten. Theater- und Konzertaufführungen waren als Ergänzung gedacht.
Le Grand Palais de l'Exposition Religieuse Internationale1>
Die Initiatoren des gigantischen Projektes bestanden im Wesentlichen aus Mitgliedern des alten französischen Adels, darunter der Marquis Lionel de Castellane, dessen Faksimileunterschrift auf dem Stück zu finden ist. Mitglieder der Gruppe reisten nach Amerika um ihr Projekt in den grossen Klubs, dem New-York-Club, dem Manhatten-Club, dem Lotus-Club, dem Knikerboker-Club u. a., vorzustellen. Auch die amerikanische Presse, so die Sun, der New York Herald und das New York Journal nahm sich der Sache an und es schien, als würde genügend Kapital gezeichnet werden, um die Realisierung in Angriff nehmen zu können. Von der liberalen Presse Frankreichs aber wurde das Projekt auf das heftigste angegriffen und polemisch kommentiert. Der Streit schlug Wellen bis nach Rom. Papst Leo XIII. und diverse Kardinäle setzten sich schliesslich für die geplante Ausstellung ein, aber es nützte nichts: die Ausstellung fand nie statt.
Übrig geblieben sind einige wenige Wertpapiere und Zeitungsartikel die von dem Vorhaben berichten. Jedoch: entgegen der Ausführung von Jakob Schmitz in "Aufbruch auf Aktien", wurde weder die Illustration selbst noch die Umrandung von Mucha eigenhändig signiert. Vielmehr dürfte es so sein, dass der Drucker vor dem Druck angewiesen wurde, das Blatt noch typographisch zu bezeichnen und dieser den Namen Alfons mit Alfred verwechselte. Es dürfte kaum glaubhaft zu machen sein, dass der Urheber dieser Schöpfung seinen eigenen Namen nicht kannte!
Das Blatt ist zwar selten, erstaunlich ist aber dennoch, dass es der Mucha-Forschung lange unbekannt geblieben ist und es weder auf den grossen Mucha-Ausstellungen gezeigt noch im Werkverzeichnis des Künstlers gelistet ist.
Literatur:
Bénézit IX, S. 923. Bulletin de l'Exposition religieuse internationale de 1900 pour la c´lébration du 19e centenaire de l'ère chrétienne. 1er novembre 1897 (No. 1) (= Alles Erschienene). Paris, 1887. [Mit freundlicher Genehmigung der Bibliothèque National de France, Département Philosophie Histoire Sc. Homme]; Osservatore cattolico, vom 8. Oktober 1887; Redonell, P.: in "La Plume", vom 15. September 1897; Schmitz, J.: Aufbruch auf Aktien. S.275; Schönig,D. / Schmitz,J.: Von der Handschrift zum Hologramm,S.83.; Thieme-B. XXV, S. 210; Unita cattolica, vom 10. Oktober 1887. Nicht gelistet im Werkverzeichnis von: Bridges, A.: Alphonse Mucha; The Complete Graphic Works sowie in: Alfons Mucha 1860 - 1939. Katalog der Ausstellung, Mathildenhöhe Darmstadt, 1980.
| 30.03.2006
Marc-Edouard Enay:
Die wahrscheinlich früheste Jux-Aktie der Welt.
|
| [Altona - Kieler Eisenbahngesellschaft (A.K.E.G.)]: Eisenbahn Kiel - Altona. Original-Actie No. 688. (Herausgegeben vom K. A. E.-B. Comité; im Werte von) 100 Reichsthaler Species. Ohne Ort und ohne Drucker. (ca. 1840). 18,5:25,5 cm. Sehr dekorativ, mit drei Holzschnittvignetten auf der Vorderseite und vier auf der Rückseite (eine davon zeigt eine Eisenbahn).
Altona-Kieler Eisenbahngesellschaft (A.K.E.G.)
Sehen wir von den so genannten "Hochzeits-Aktien" einmal ab, so dürfte es sich bei diesem Stück wahrscheinlich um eine der frühesten Jux-Aktien handeln. Altona und Holstein gehörten damals noch zur dänischen Krone. König Christian VIII. liess nach der Eröffnung der ersten Eisenbahn in Nürnberg 1835 prüfen, ob auch auf dänischem Gebiet Eisenbahnen gebaut werden sollten. Die eingesetzte Kommission entschied, dass keine Notwendigkeit bestünde, empfahl aber, private Investoren dazu zu unterstützen. Dabei blieb es, bis die Nachbarstaaten ihre ersten Bahnen eröffneten, so z. B. die Linie Hamburg-Bergedorf. In Kopenhagen diskutierte man dann verschiedene Nordsee-Ostsee-Strecken, deren Ausgangspunkt Altona sein sollte. Seit 1837 war auch eine Strecke zwischen Tönning - Husum - Flensburg im Gespräch. Der König entschied sich schliesslich für Altona-Kiel, nachdem eine Interessengemeinschaft in einem Gutachten dieser Strecke mehr Rentabilität einräumte als der Strecke Altona - Neustadt. Ab 1841 konnten dann Aktien für diese Eisenbahn gezeichnet werden. Doch der gewünschte Erfolg blieb zunächst aus. Erst Professor Franz Hartmann, ein Freund des Königshauses, brachte den König dazu, selbst Aktien zu zeichnen und die Anordnung zu treffen, dass Aktien gezeichnet werden sollten. Sein Trick: er schmeichelte dem König und schlug ihm vor, dass, sollte die Eisenbahn je gebaut werden, sie "König Christian VIII, Ostseebahn" genannt werden sollte. Am 16. Juni 1842 gründete sich dann die Altona-Kieler-Eisenbahn-Gesellschaft und im März 1843 begannen die Bauarbeiten. Im Juli 1844 waren sie beendet. Am 18. September 1844, dem Geburtstag des Monarchen, wurde die Strecke offiziell eröffnet. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg (16.1. bis 30.10.1864 ging die Bahn in preussischen Besitz über. 1883 begann der Staat mit den Aktionären über einen Ankauf der Bahn zu verhandeln und die Preussische Eisenbahn übernahm ab 1884 Verwaltung und Betrieb der Strecke, bevor sie am 1.1.1887 vollständig in Staatsbesitz gelangte.
Die Aktie, mit ihren satirischen Vignetten, zeigt deutlich, dass in der Bevölkerung ein erheblicher Widerstand gegen diesen "neumodischen Kram" vorhanden gewesen sein muss. Mittig auf der Vorderseite sehen wir eine romantische Abschiedsszene untertitelt mit "Wohin?" Rechts unten unterschrieb "Der Comite" und stellt sich als kritisch schauender Engel dar. Unten links versuchen fünf nackte Knaben einen störrischen Gaul zum Laufen zu bringen. Verso sehen wir in der Mitte eine schöne Darstellung eines Zuges in einer bewaldeten Landschaft, darüber aber einen Januskopf. Rechts davon betrachtet ein Landwirt, gestützt auf seine Mistgabel, das rollende Ungetüm und sinniert: "Hol' Di jo nich up!", während links ein Stier Anlauf nimmt gegen den Zug zu stürmen. Darunter: "Never! Never! Never! Never! John Bull.".
| 30.03.2006
Marc-Edouard Enay:
Ein Künstler und seine Aktie: Rockwell Kent
|
| Rockwell Kent, Incorporated, New York: "Adam vor dem Sündenfall". Aktienzertifikat. (Blankett). o. J. (1919). Holzschnitt in Schwarz, gedruckt von Rockwell Kent selbst (Stempel unten rechts) auf Papier mit Wasserzeichen "Textile Bond". Perforation links. 27,5:25 cm. Eindrucksvoller, mystischer Original-Holzschnitt des Künstlers. Unter einem einsamen, halbseitig absterbenden Baum, vor einer Gebirgslandschaft, liegt schlaff eine männliche Aktfigur (der Künstler selbst(?). Um den Stamm windet sich eine Riesenschlange empor und züngelt dem Rest der noch verbliebenen Früchte entgegen. Auf dem markanten R zwitschert ein Vogel. Auch der Text des Zertifikates wurde vom Künstler in den Holzstock geschnitten. Dekoration und Schrift bilden auf diesem Wertpapier ein gemeinsames illustratives Erlebnis
Rockwell Kent: "Adam vor dem Sündenfall". Aktienzertifikat (Blankett).
Wie fast bei jedem Künstler beherrschte die Not auch bei Rockwell Kent das Dasein. Doch der Künstler war pfiffig genug und Amerikaner obendrein und so gründete er seine eigene Aktiengesellschaft, die er 1919 ins New Yorker Register eintragen liess, um diesen Zustand zu beenden. Begeben werden sollten 10 000 $, eingeteilt in Aktien zu je 100 $. Und tatsächlich: einige prominente und kapitalkräftige Förderer stiegen ein, so unter anderen der Verleger George Putnam und Gertrude Vanderbilt-Whitney. Die Zertifikate druckte der Künstler selbst. Ausgestellte Aktien sind bisher im Markt nicht bekannt geworden. Auch das hier angebotene Blankett ist äusserst selten wie dem Werkverzeichnis von Dan Burne Jones: "The Prints of Rockwell Kent", Chicago, 1975 (Erweiterte Neuauflage, San Francisco 2002), zu entnehmen ist.
Rockwell Kent wurde am 21. Juni 1882 in Tarrytown (New York) geboren und starb am 13. März 1971 in Plattsburgh (New York). Bevor er sich der Zeichnung, den graphischen Arbeiten und der Malerei zuwandte, studierte er Architektur an der Columbia-University bevor er sich an der New York School of Art einschrieb. Neben seinem Künstlerdasein war er zuerst Umherstreifender, Tischler, Baumeister, Hummerfänger, Melker und später politischer Aktivist. Über seine Reisen und Abenteuer veröffentlichte er mehrere Bücher: "Wilderness: A Journal of Quiet Adventure in Alaska" (1920) [deutsch: 1925]; "Voyaging Southward from the Strait of Magellan" (1924), "Salamina" (1934) sowie zwei Autobiographien. Die erste erschien 1940 unter dem Titel "This is my Own" und die zweite, "It's me O Lord", 1955 [deutsch: 1984].
Der Künstler war ein radikaler Verfechter des Sozialismus, gehörte jedoch nie der kommunistischen Partei an. Sein Eintreten für die sozialen Belange der Arbeiterschaft minderte nach dem Krieg seine Popularität als Künstler gewaltig und erreichte in den fünfziger Jahren ihren Tiefpunkt, als die Passbehörde seinen Pass einzog. Kent jedoch klagte erfolgreich dagegen und siegte schliesslich vor dem Obersten Bundesgerichthof. Politisch brisant war vor allem seine Ausstellung 1957, in der damaligen Sowjet-Union, die von über einer halben Million Russen besucht wurde. Wohl als Dank für die Anerkennung, aber sicher auch aus Verärgerung über die gegen ihn persönlich gerichteten Massnahmen der US-Behörden, schenkte er dem russischen Volk daraufhin achtzig Gemälde und achthundert seiner Zeichnungen. Diese Arbeiten werden heute in der Ermitage und im Puschkin-Museum aufbewahrt. Der Leningrader Aurora-Verlag reproduzierte einen Teil der Gemälde und veröffentlichte einen prächtigen Bildband, der 1976 in zweiter Auflage erschienen ist. 1967 wurde ihm der Lenin Friedenspreis verliehen.
Durch den Gebrauch von Symbolik hebt sich die Kunst von Rockwell Kent deutlich von der amerikanischen Kunst ab. Vor allem in seinen graphischen Arbeiten kommt ein älterer, ja fast englischer Stil zum Ausdruck, der an William Blake, an die Prä-Raphaeliten, an William Morris und an Charles Rickett erinnert. Ähnlich wie diese, sucht der Künstler eine Erneuerung der Kunst in Verbindung mit der Tradition, um seine sozialen Zukunftsvorstellungen verwirklichen zu können. In fast allen seinen Drucken, seien es die Holzstiche, -schnitte oder Lithographien, scheint der Mensch einen Kampf mit seinem Menschsein an sich auszufechten, um in sein Innerstes zu gelangen und so die Gründe für sein Dasein zu finden. Tragik und Heroentum, Dunkel und Hell vereinigen sich in den meisten seiner Blätter. Bedeutungsvoll kontrastiert er reine Weissflächen gegen die lineare Füllung der Umgebung. Die Linienführung ist perfekt und doch subtil, im Ausdruck klar und überlegt.
Seine lebhafte und dramatische Darstellung in der Buchillustration brachte ihm 1930 den endgültigen Durchbruch mit Herman Mellville's "Moby Dick [deutsch 1992 und 2004]. Zuvor schon erschien 1929 "Candide" von Voltaire. 1934 folgten die "Canterbury tales" von Geoffrey Chaucer. 1946 erschien seine illustrierte Gesamtausgabe von Shakespeare. 1949 das Dekameron von Boccacio. Ausserdem lieferte er unter dem Pseudonym "Hogarth junior" der Zeitschrift "Vanity Fair" eine Reihe sittengeschichtlicher Illustrationen. Während des Zweiten Weltkrieges förderte Kent durch Zeichnungen und Plakate, u. a. für die "Rahr Malting Company" (erstmals publiziert 1947)den inneramerikanischen Zusammenhalt. Ende der vierziger Jahre, als die moderne abstrakte Kunst ihren Siegeszug antrat, begann der Stern Kent zu verblassen und seine Popularität erlosch schliesslich mit der politischen Verfolgung in der Mac Carthy-Aera fast gänzlich - bis zu seiner Wiederentdeckung. Seine Werke sind in fast allen grossen amerikanischen und internationalen Museen zu bewundern.
Weitere Literatur: Bénézit VII, S. 758; Thieme-B. XX, S. 157 f.; Vollmer III, S. 37 f.; Wien, Jake Milgram: Rockwell Kent; the mythic and the modern, New York, 2005.
| 03.10.2003
Marc-Edouard Enay:
Der Islam und der Reformator Theodor Bibliander
|
| In unserer Zeit ist die Auseinandersetzung mit dem Islam in der Politik und in den Kirchen zu einem Zentralthema geworden. Ausserhalb der Fachwissenschaften Orientalistik und Theologie ist man gemeinhin der Ansicht, dass die Kirchen, insbesondere auch die evangelischen Kirchen, mit dieser Auseinandersetzung Neuland betreten hätten, zumal die sachkundige Literatur zum Thema an die Namen von Publizisten der Gegenwart oder an diejenigen der jüngsten Vergangenheit geknüpft ist. Doch diese Ansicht stimmt nicht!
Schon vor nahezu 500 Jahren - in ebenso unruhigen Zeiten wie heute - lebte ein Mann, der sein ganzes Leben in den Dienst eines "verständnisvollen Ausgleichs zwischen dem Protestantismus und dem Islam" 1) gestellt hatte. Dieser Mann war Theodor Bibliander [Buchmann]. Seine Lebensdaten seien hier nur kurz skizziert. Eine ausführliche und bis heute unübertroffene Biographie verfasste Emil Egli im Jahre 1901, auf die ich Interessierte ausdrücklich verweise 2).
Portrait von Bibliander, 5 Jahre nach seinem Tode. Gezeichnet und gestochen von Conrad Meyer. Schabkunstblatt. (Im Besitz der Zentralbibliothek Zürich und mit derer freundlichen Genehmigung veröffentlicht.)
Bibliander wurde 1504 (nach anderen Quellen 1509) als Sohn des bischöflichen Stiftsamtmannes aus Konstanz in Bischoffszell, im Kanton Thurgau, geboren. In Zürich besuchte er die Grossmünsterschule an der u.a. Oswald Mykonius, Leo Jud und Ulrich Zwingli seine Lehrer waren. Später, an der Universität Basel, hiessen seine Professoren Konrad Pellikan und Johannes Oekolampad. Neben dem Studium der Theologie intensivierte er seine Ausbildung in den alten Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch, bis er sie schliesslich meisterhaft beherrschte. 1527 sandte Zwingli, mit Zustimmung des Zürcher Rates, den jungen Gelehrten nach Liegnitz in Schlesien. Der dortige Herzog hatte eine "Hohe Schule" errichtet und wollte hier einen Lehrer, der Zwinglis Anschauungen vermittelte und unterrichtete. Bibliander blieb zwei Jahre. Nach Zwinglis Tod wirkte er ab 1531 als dessen Nachfolger an der Grossmünsterschule als ein "Professor oder Leser" um die Septuaginta auszulegen. 1560 wurde er aus religiös-politischen Gründen vorzeitig emeritiert. Vier Jahre später, am 26. September 1564, verstarb er an der Pest.
Neben seiner gründlichen und ausserordentlich weitgespannten Tätigkeit als Professor verfasste Bibliander rund zwei Dutzend Bücher. Die erste, noch unvollständige Listung seiner Schriften fertigte Conrad Gessner, der ihn darin als "unvergleichlichen Lehrer" und "vorbildlichen Menschen" rühmte 3). Mit seinen Werken festigte Bibliander den damaligen Weltruf der Stadt Zürich, den sie durch den reformierten Protestantismus erlangt hatte. Gleichzeitig legte er die Grundlagen für die vergleichende Sprachwissenschaft von heute.
Am bekanntesten wurde Bibliander durch seine Übersetzung des Koran. Wie kam es dazu? Die abendländische Welt stand im 15. und 16. Jahrhundert unter dem Zeichen eines sich stürmisch ausbreitenden Islam. 1453 war Byzanz gefallen. 1526 erlitten die ungarisch-christlichen Streitmächte bei Mohàcs ihre entscheidende Niederlage. 1529 stand das osmanische Heer vor den Toren Wiens. 1537 wurde Kaschau, das nur 20 Kilometer von Liegnitz liegt, von den Osmanen erobert. Das Jahr 1541 brachte ihnen weitere Gewinne: sie nahmen Zentral-Ungarn in ihre Verwaltung und schützten Siebenbürgen vor dem Zugriff Österreichs. Ausserdem scheiterte der deutsche Gegenangriff auf Ofen genauso wie die Unternehmung Karls V. gegen Algier. All dies beunruhigte die christlichen Herrscher und ihre Geistlichkeit zutiefst, zumal in den von den Osmanen bedrohten Gebieten die Sympathien der Bevölkerung für den Islam zunahm und die christliche Propaganda keinen ungeteilten Gehorsam mehr fand. Die Religionsführer, allen voran Martin Luther, fanden es nötig, gegen die Türken zu wettern, erkannten aber auch gleichzeitig die Notwendigkeit einer gedruckten lateinischen Konranübersetzung, um sich mit "dem türckischen Glauben" besser auseinandersetzen zu können 4).
Zu jener Zeit gab es zwar schon eine Koranübersetzung ins Lateinische. Sie wurde 1141 von Pierre von Cluny und Bernard von Clervaux in Auftrag gegeben. Auf einer gemeinsamen Inspektionsreise zu den spanischen Klöstern ihres Ordens erwarben sie in Toledo ein Koran-Manuskript. An dessen Übersetzung waren mehrere Gelehrte beteiligt: Peter von Toledo, Hermann von Kärnten und Robert von Kent, der schliesslich als Verfasser angesehen wurde 5). Diese Übersetzung wurde wiederum vielfach kopiert und blieb bis weit ins 16. Jahrhundert hinein die wichtigste – wenn auch eine sehr fehlerhafte – Quelle für die Kenntnis des Korantextes im Abendland. Eine Version von einer dieser Kopien gelangte schliesslich in den Besitz Martin Luthers, der sie seinerseits wiederum Bibliander zur Überprüfung der Übersetzung und zur Veröffentlichung anvertraute. Neben dieser Textversion benutzte Bibliander für seine Arbeit noch drei weitere Manuskripte (ein arabisches und ausserdem noch zwei weitere Kopien der Arbeit Robert von Kents), die er sich zusätzlich beschafft hatte. Somit hatte er zumindest einen groben lateinischen Textvergleich. Etwas Arabisch lesen konnte Bibliander zwar auch, aber er beherrschte die Sprache keineswegs, wie eine Bemerkung zur Sure 117 (nach seiner Zählung!) zeigt: "Non omnia hic ponuntur quae sunt in Arabico". Bibliander verglich nur wenige Wörter, vor allem die Eigennamen, und setzte seine Darlegungen in den Anhang. Somit blieb die Übersetzung ungenügend, stellenweise sogar unverständlich und so wundert es nicht, dass Gustav Pfannmüller mit seiner Kritik: "Die lateinische Übersetzung verdient jedoch eigentlich diesen Namen nicht und hat kaum einige Ähnlichkeit mit dem Original" die ganze geleistete Arbeit Biblianders zerriss 6).
Bibliander vertraute seine monumentale Arbeit dem Freunde Johannes Oporin, einem renommierten Buchdrucker in Basel, zur Veröffentlichung an. Am 1. August 1542 wurde jedoch der Satz und die bereits fertigen Druckbogen von der Obrigkeit beschlagnahmt. Die Sorge der Baseler Zensur war, dass sich bei der gegenwärtig erbitterten Stimmung gegen die Türken, die Stadt Basel unversöhnlichen Hass zuziehen würde, wenn sie das heilige Buch dieser Feinde der Christenheit innerhalb ihrer Mauern erscheinen liesse 7). Vor dem Baseler Rat begannen langwierige Verhandlungen, in deren Folge am 30. August Oporin verurteilt und für kurze Zeit in Haft genommen wurde. Nur durch das energische Eingreifen von Bibliander selbst, dem Rat der Stadt Zürich und vor allem durch Luther und Melanchthon, wurden die Vernichtung des Satzes und die der bereits ausgedruckten Bogen verhindert. Schliesslich stimmte der Baseler Rat am 7. Dezember 1542 einer Veröffentlichung nur unter der Bedingung zu, dass in der Auflage weder der Name der Stadt noch der Name des Druckers publizierte würde. Zudem wurde verfügt, dass Luther zu der Edition ein Vorwort beisteuern müsse und dass das Buch nur von Wittenberg aus verkauft werden dürfe. Im Frühjahr des Jahres 1543 gelangte schliesslich die erste Auflage der ersten gedruckten Koranedition in den Verkauf.
Die Edition hatte sofort grossen Erfolg (mit Sicherheit trugen auch die Massnahmen der Baseler Zensur dazu bei), so dass noch im selben Jahr zwei weitere Ausgaben neu gedruckt werden mussten. Darauf wies ich schon 1995 hin 8). Da mir damals die entsprechenden Exemplare nicht zur Hand waren, konnte ich noch keine präzise Beschreibung liefern. Es ist mir bis heute unmöglich gewesen, alle Ausgaben zusammenzutragen um sie miteinander vergleichen zu können. Die definitiv erste Ausgabe verzeichnet "excellentissimi theologi Martini Lutheri praemonitio" im Titel. In der zweiten und dritten Ausgabe des Jahres 1543 fehlt der Name Luthers auf der Titelei. Diese bemerkenswerte Tatsache dürfte mit Sicherheit nicht nur darin gelegen haben, dass Martin Luther nicht der Verfasser der "Praemonitio" war, sondern Melanchthon. Der eigentliche Grund war, dass Luther seine Stellung zu den Schweizer Reformatoren, insbesondere zu den Zürchern, in der Abendmahlsfrage kontrovers betrachtete. Es war die Rede von "Verfluchungen und schrecklichen Blitzen" gegen Zwingli und seine Zürcherische Kirche. Sowohl in der zweiten als auch dritten Ausgabe ist weder die Vorrede Luthers (die von der Praemonitio zu unterscheiden ist) auf dem Titel noch auf dem Bogenverzeichnis am Ende des Buches vermerkt. Nur auf dem eingeschobenen Bogen selbst (Blatt y 1a) liest man "Martini Lutheri Doctoris Theologiae et Ecclesiastis ecclesiae Vuittenbergensis in Alcorannus Praefatio". Dies ist ein Merkmal, das die dritte Auflage sicher beschreibt 9). Auf der Titelei beider Ausgaben steht hingegen der Name "Philippi Melanchthonis". In der zweiten Ausgabe erscheint der Name getrennt geschrieben, während er in der dritten Ausgabe einzeilig zusammengeschrieben ist. Dies ist das zweite sichere Merkmal zur Erkennung der dritten Ausgabe. (Göllner beschreibt diese Ausgabe genau umgekehrt 10). Walter Köhler erwähnt sogar noch einen vierten Druck 9). Sieben Jahre später, im Jahre 1550, folgte nochmals einer, wenn nicht vielleicht sogar zwei Neudrucke. Der eine wurde in Basel, der andere(?) in Zürich, dem Wohnsitz Biblianders, hergestellt.
Titelblatt aus der zweiten Ausgabe Basel 1543. (Mit freundlicher Genehmigung der Zentralbibliothek Zürich)
Titelblatt der Ausgabe Basel 1550.
Dieser Baseler Druck wurde von mir beschrieben 8). Er wird fälschlicherweise, aber allgemein, als zweite Auflage bezeichnet. Das von mir beschriebene Exemplar befindet sich heute in der Sammlung der Universitätsbibliothek von Riad. Auch hier fehlt die Praefatio von Luther. 1544 hatte Luther in seiner Schrift "Bekenntnis vom Abendmahl" die Schweizer Reformatoren aufs neue angegriffen. Bibliander sah sich zu einer Gegenschrift veranlasst (die jedoch nicht gedruckt wurde). Darin zeigt er sich so verärgert, dass die Vermutung, Bibliander habe den Wegfall der Praefatio selbst veranlasst, nicht abwegig ist. Die (angebliche) Zürcher Edition von 1550 ist bei folgenden Bibliographen verzeichnet: Brunet 11); Zenker 12) und Binark-Eren 13), diejenige von 1556 lediglich bei Binark-Eren 14). Von mir konnte bislang weder ein Exemplar Zürich, 1550 noch ein Exemplar Zürich, 1556 aufgefunden werden, um es autopsieren zu können. Es kann also vermutet werden, dass es sich bei diesen Einträgen um Irrtümer, beziehungsweise um Phantombücher handelt und es eine Zürcher Edition nie gegeben hat.
Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass Bibliander seine Koranübersetzung auf Grund äusserer Umstände fertigte. Die Editionsgeschichte zeigt aber genauso deutlich, dass die Führer der Reformationsbewegung sich letztlich uneinig waren. Parallelen zur heutigen Politik zeigen sich auf.
Für die Reformatoren waren die Türken und damit der Islam, eine Zuchtrute Gottes, die die Christen zur Busse aufrufen sollte. Bibliander hingegen sah die Sache ganz anders: seine Forderungen gipfelten darin, dass Christen zuallererst einmal die Glaubenslehre ihrer Gegner kennenlernen sollten. Dann könne man ihnen auch mit Argumenten und Vernunftsgründen anstatt mit Krieg begegnen. Er versuchte den Beweis zu erbringen, dass alle Religionen einem gemeinsamen Ursprung entstammen. In seiner 1548 veröffentlichten "De Ratione communi omnium Linguarum & literarum", 15) einem Werk über die gemeinsame Art und Weise aller Sprachen und Literaturen, schreibt er: "Gott ist der Schöpfer und Regierer der Welt, und seinen Willen gilt es im öffentlichen und privaten Leben zu befolgen. Die göttliche Führung ist aber nicht gewaltsam aufzuzwingen, mit Drohungen, Schrecken, Martern, Kriegen; denn Christus ist das Licht, der Weg, die Wahrheit, Weisheit, Kraft Gottes, der die Seelen der Menschen selbst versöhnt und gewinnt und mit göttlichem Antrieb leitet". Biblianders Ziel war die Einigung der Menschheit. Er dachte sogar daran, nach Ägypten zu reisen, um diese seine Gedanken im damaligen Herzen des Islam selbst zu verbreiten. Nur mit grosser Mühe vermochten seine Freunde ihn daran zu hindern 2). Schliesslich verfasste er (1553) sein Werk "De monarchia totius orbis suprema legitima et sempiterna..." 1) (Über die höchste, gesetzmässige und immerwährende Alleinherrschaft der Welt). Das Manuskript wurde jedoch von der Zensur beschlagnahmt und wird heute in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt. In der Einleitung steht die messianische Stelle "von dem gemeinsamen Hirten aller" (Ezechiel 37, 23 f.) samt dem Gruss "Allen Christen, Juden und muhammedanischen Muselmännern wünscht Theodor Bibliander Gnade, Frieden und jegliches Heil von dem Herrn Gott". In diesem Werk wendet sich Bibliander an alle Gläubigen des Abend- und Morgenlandes. Er zeigt ihnen auf, "...in welchen Lehren sie (miteinander) übereinstimmen und worin sie (sich) uneins seien", ferner: "...dass aus dieser Uneinigkeit die unermesslichen Übel der ganzen Welt entspringen" würden. Ähnlich äusserte sich Bibliander in seinem 1553 (in Basel bei Oporin) gedrucktem Buch "De legitima vindicatione Christianismi veri et sempiterni", das Johannes Chec gewidmet ist, dem Erzieher des späteren Königs Eduard VI. von England. Darin schreibt er "...noch sei unter den Christen selber grosse Arbeit zum Frieden nötig...".
Dass Bibliander in dieser Hinsicht einen prophetischen Blick hatte, zeigen die Umstände der Jahre 1556-1560 in Zürich selbst, die zur Entlassung des grossen Denkers führten 16). Bibliander war seiner Zeit weit voraus, und offenbarte vor allem in den beiden zuletzt erwähnten Schriften seine Herzenswärme, seinen Humanismus und seine Universalität. Er kann uns noch heute ein Beispiel für geistige und gelebte Toleranz geben. In diesem Sinne wäre eine Neuedition (mit Übersetzung) der Werke Biblianders durchaus zu begrüssen.
Anmerkungen/Literatur:
1) Abdullah, Salim M.: In: Sonntagsgruss. Saarbrücken, 24.9.1963 und Moslemische Revue, Heft 2. Soest, 1994.
2) Egli, Emil: Biographien: Bibliander, Ceporin, Johannes Bullinger. In: Analecta Reformatoria II. Zürich, 1901. (S. 1-144).
3) Gessner, Konrad: Bibliotheca Universalis... Zürich, 1545. (S. 611 f.). Bibliothecae Conradi Gesnesi. Zürich, 1555. (S. 99 f.).
4) Luther, Martin: Verlegung des Alcoran Bruder Richardi. Wittemberg, 1542. Sowie: Kommentierte lateinisch-deutsche Textausgabe, hrsg. von Johannes Ehmann. Würzburg, 1999. (Corpus Islamo-Christianum; Series Latina, 6). Enthält ausserdem ein umfangreiches Literaturverzeichnis.
5) Näheres dazu bei: Monneret de Villard, Ugo: Lo studio dell' Islam in Europa nel XII e nel XIII secolo; Studi e testi, 110. Rom, 1944.
6) Pfannmüller, Gustav: Handbuch der Islam-Literatur. Berlin/Leipzig, 1923. (S. 213).
7) Steinmann, Martin: Johannes Oporinus. Ein Basler Buchdrucker um die Mitte des 16. Jahrhunderts. In: Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft, 105. Basel/Stuttgart, 1967. (S.20 ff.). Aus dieser Arbeit geht deutlich hervor, dass der Ratsbeschluss zur Beschlagnahmung nicht nur auf religiös-politischen sondern auch auf wirtschaftlichen Intrigen fusste.
8) Enay, Marc-Edouard: Mohammed und Der Heilige Koran. Hamburg, 1995. (S. 68 f.).
9) Köhler, Walter: Zu Biblianders Koran-Ausgabe. In: Zwingliana III. Zürich, 1920. (S. 349 f.).
10) Göllner, Carl: Turcica I. Bukarest/Berlin, 1961. (Nr. 792; Kommentar).
11) B03.10.2003runet, Jacques-Charles: Manuel du libraire... (5. Ausgabe). Paris, 1860-1880. (III, Sp. 1308).
12) Zenker, Julius Theodor: Bibliotheca Orientalis I. (Reprint). Amsterdam, 1966. (Nr. 1386).
13) Binark-Eren: Binark, Ismet und Eren, Halit: World Bibliography of Translations of the Meanings of the Holy Qur'an. Istanbul, 1986. (Nr. 1033/2).
14) Binark-Eren: wie vorstehend jedoch: (Nr. 1034/3)
15) Büsser, Fritz: Theodor Biblianders Abhandlung über die Gemeinsamkeit der Sprachen. In: Zentralbibliothek Zürich – Schätze aus Vierzehn Jahrhunderten. Zürich, 1991. (S. 62 ff.).
16) Staedtke, Joachim: Der Zürcher Prädestinationsstreit von 1560. In: Zwingliana IX, 9. Zürich, 1953. (S. 536 ff.). Der Autor beleuchtet von allen Seiten die theologischen Auseinandersetzungen und Folgen, denen Bibliander schliesslich unterlag.
|